ein Bahrtuch im Betsaal
Blick vom fertigen Bahrtuch zum Gewölbe des ehemaligen Betsaals in der Paramentik von Diakoneo © Entwurf und Foto Beate Baberske

Familientraditionen beginnen...

...mit einer Idee: Das Tuch, das uns auf der letzten Reise begleitet, als Wandteppich im Wohnzimmer - dass dieser Gedanke sie nicht los läßt, davon erzählten PD Dr. Beate Schoch und Michael Kilb bei ihrem Besuch in der Paramentik zum Jahresfest am 1. Mai 2019.

Im Sommer 2020 wird die Idee Wirklichkeit: bis Beate Baberske einen Entwurf ausgearbeitet hatte, dauerte es ein paar Monate, aber das Projekt ist ja auf die Zukunft hin angelegt. So ein Tuch, das die Familie über Jahrzehnte hinweg begleiten soll, will gut überlegt sein. Die Idee konnte entstehen aufgrund der Ausstellung der Marienberger Vereinigung für Paramentik e.V. in der Spitalkirche Bad Windsheim, die 2018 stattfand. In dem Begleit-Buch "Zu Ende gewebt - Textilkunst für die letzte Reise" von Klaus Raschzok und Beate Baberske wird neben einer historischen Abhandlung und der Vorstellung des Kirchenjahres auch der Bibelvers Jesaja 38 Vers 12 zitiert: 

... Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. ... .

Verschiedenste Objekte demonstrieren, wie Textil dem Tabuthema Tod mit Haptik und Sinnlichkeit entgegen wirken kann. Indem man über den Stoff und die Gestaltung spricht, kommt das Tabuthema von ganz allein dazu. Ein Bahrtuch aus mehreren Teilen zusammen zu setzen, bei dem das Mittelteil je nach Geschmack verändert werden kann, war eine Idee. Sich mit einem Streifen oder einem gestalteten Tuch zu Lebzeiten in den Wohnräumen zu umgeben, die andere. Beide zusammen ergeben das Familien-Bahrtuch, das in der Paramentik für die Familie Kilb - Schoch umgesetzt wurde.

Blick auf die Arbeitsvorbereitungen
Der Entwurf wird umgesetzt, indem alles zusammengetragen wird, was dem Entwurf dient © Entwurf und Foto Beate Baberske

Material liegt zum Arbeiten bereit
schwarze Fäden, schwarzer Filz und der Entwurf warten auf ihren Einsatz, am Fenster wächst der wilde Wein © Entwurf und Foto Beate Baberske

Dabei ist der Entwurf erst der Anfang einer Reihe von Entscheidungen, bei denen immer zwei Perspektiven im Blick behalten werden müssen: Wie sieht das Tuch als Bild an der Wand aus? Und: Wie liegt es auf dem Sarg? Auf einem Blatt Papier sieht ein schwarzes Tuch ja ganz nett aus, als Tuch mit 70 cm x 200 cm Größe bekommt es eine ganz andere Schwere.

Blick auf die Arbeit im Webstul
Die Fäden sind gespannt, der Filz geschnitten - jetzt kann es los gehen © Entwurf und Foto Beate Baberske

Deshalb haben wir zusammen mit Michael Kilb auf das Webstück geschaut und stehen bei den Entscheidungen im engen Kontakt mit der Familie. Aus dem ganz schwarzen Stoff ist jetzt eine leichte Abstufung ins Grau geworden, blaue Quadrate mischen sich dezent unter die vier verschiedenen Grautöne. Reines Schwarz ist immer noch genug da.

Michael Kilb und Beate Baberske am Webstuhl
Michael Kilb und Beate Baberske besprechen am Webstuhl, welche Farben die Filz-Plättchen und der Faden zum Weben haben soll © Entwurf Beate Baberske, Foto Rosalia Penzko

Eine Woche lang wird gewebt, anschließend gesäumt und gefüttert, gestickt und genäht. Schließlich müssen zwei Teile entstehen, die bei Bedarf zusammenpassen. Die rote Sprühflasche zum Befeuchten der Fläche beim Bügeln und Dämpfen setzt einen starken Akzent.

aufgenageltes Tuch mit Sprühflasche
Blick in die Werkstatt: Das Tuch muss auf den Tisch fixiert nach dem Dämpfen trocknen © Entwurf und Foto Beate Baberske

Zwei Teile miteinander verbinden
Das handgewebte Mittelteil wird mit dem großen Tuch, mit dem es den Sarg abdecken wird, verbunden © Entwurf und Foto Beate Baberske

Als Christen glauben wir an die Auferstehung, und die wird spürbar durch Metallplättchen, die das Leben spiegeln, das den Wandbehang umgibt. Die eingefangenen Alltags-Bilder gehen dann mit auf die letzte Reise. Der Abschied wird sicher nicht leichter dadurch, aber individueller und familiärer auf jeden Fall. 

eingefangene Alltagsbilder auf der letzten Reise mitnehmen...

Schon beim Arbeiten ist das Leben im Tuch. Nicht nur die rote Flasche, sondern auch die grünen Blätter des wilden Weins spiegeln sich in den Edelstahlquadraten des Kreuzes. Sie fangen das Leben der Familie Tag für Tag ein und begleiten sie dann, auf dem Sarg liegend, immer auf ihrer letzten Reise.

Familien-Bahrtuch zwischen Tür und Regal
auf dem Weg zur Terasse kommt man am Bahrtuch vorbei © Entwurf Beate Baberske, Foto privat

Das große Untertuch trägt seitlich alle Namen der Familienmitglieder. Von Generation zu Generation wird es weiter gegeben, so wie man es von Taufkleidern schon kennt. Der kleine, aber feine Unterschied ist, dass die Taufkleider nach der Taufe wieder im Schrank liegen, das Familien-Bahrtuch dagegen am Leben teilnimmt und die Erinnerungen speichert. 

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